Recht
§ 314 BGB – Kündigung von Dauerschuldverhältnissen aus wichtigem Grund
Nach § 314 BGB kann jede Seite einen Vertrag mit laufenden Leistungen ohne Kündigungsfrist beenden, wenn ihr das Festhalten bis zum regulären Ende nicht zuzumuten ist. Liegt der Grund in einer Pflichtverletzung der anderen Seite, ist vorher in der Regel eine Abhilfefrist oder Abmahnung nötig. Gekündigt werden muss dann innerhalb einer angemessenen Frist – eine feste Zahl wie die zwei Wochen im Arbeitsrecht nennt § 314 nicht.

Diese Seite richtet sich an alle, die aus einem Dauervertrag vorzeitig heraus wollen, weil ihnen das Weitermachen nicht mehr zuzumuten ist – und für Anbieter, die eine solche Kündigung erhalten haben. Sie legt § 314 BGB Absatz für Absatz aus, zeigt, welche Sondervorschriften ihn verdrängen, und sammelt, was die Gerichte zur „angemessenen Frist“ entschieden haben. Wie du die Kündigung formulierst und welche Fallgruppen es gibt, erklärt der Ratgeber Fristlos aus wichtigem Grund.
Der Kern der Vorschrift
„Dauerschuldverhältnisse kann jeder Vertragsteil aus wichtigem Grund ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist kündigen.“
Mit diesem Satz beginnt § 314 Abs. 1 BGB. Die Vorschrift hat vier Absätze: was ein wichtiger Grund ist (Abs. 1), wann vorher abgemahnt oder eine Frist gesetzt werden muss (Abs. 2), wie schnell gekündigt werden muss (Abs. 3) und dass Schadensersatz möglich bleibt (Abs. 4). „Ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist“ heißt: Der Vertrag endet mit dem Zugang der Kündigung (§ 130 BGB), nicht erst zum nächsten regulären Termin – auch mitten in einer Mindestlaufzeit. „Jeder Vertragsteil“ heißt: Das Recht haben Kunde und Anbieter gleichermaßen.
Für welche Verträge sie gilt
Dauerschuldverhältnisse sind Verträge mit laufenden oder wiederkehrenden Leistungen: Abos, Mitgliedschaften, Liefer-, Wartungs-, Telefon- und Internetverträge. Ob ein Vertrag dazu gehört, hängt von der fortlaufenden Leistung des Unternehmers ab, nicht von der Zahlungsweise; auch ein Vorteilsprogramm mit Einmalzahlung und festem Ende ist eines (BGH, 22.05.2025, I ZR 161/24).
§ 314 ist die allgemeine Regel. Wo das Gesetz die Kündigung aus wichtigem Grund für einen Vertragstyp eigens regelt, geht diese Sonderregel vor. So wollte es schon der Gesetzgeber der Schuldrechtsreform; der Bundesgerichtshof zitiert die Begründung, nach der die Einzelbestimmungen „als leges speciales Vorrang“ haben sollen (BGH, 13.07.2016, VIII ZR 296/15, Rn. 22).
| Vertrag | Vorschrift | Zeit für die Kündigung | Mehr dazu |
|---|---|---|---|
| Miete, auch von Garage oder Gewerberaum | § 543 BGB, bei Wohnraum zusätzlich § 569 BGB | keine feste Frist; § 314 Abs. 3 gilt nicht (VIII ZR 296/15) | § 543 BGB |
| Arbeitsverhältnis und anderes Dienstverhältnis | § 626 BGB | zwei Wochen ab Kenntnis der maßgebenden Tatsachen (§ 626 Abs. 2) | § 626 BGB |
| Dienste höherer Art aus besonderem Vertrauen, etwa Partnervermittlung | § 627 BGB | jederzeit, ein wichtiger Grund ist nicht nötig | Partnervermittlung |
| Werkvertrag, etwa mit Handwerkern | § 648a BGB | angemessene Frist – § 314 Abs. 2 und 3 gilt entsprechend (§ 648a Abs. 3) | Handwerker |
| Online abschließbarer Vertrag ohne funktionierenden Kündigungsbutton | § 312k Abs. 6 BGB | jederzeit, ohne Kündigungsfrist | Kündigungsbutton |
Ob ein DSL-Vertrag als Dienstvertrag unter § 626 oder unter § 314 fällt, hat der Bundesgerichtshof offengelassen, weil die Anforderungen an den wichtigen Grund nach beiden Vorschriften im Wesentlichen gleich sind (BGH, 11.11.2010, III ZR 57/10, Rn. 8). Für die Zeitfrage macht die Einordnung dagegen einen Unterschied.
Absatz 1: der wichtige Grund
Ein wichtiger Grund liegt vor, wenn dem Kündigenden „unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls und unter Abwägung der beiderseitigen Interessen“ die Fortsetzung bis zum vereinbarten Ende oder bis zum Ablauf einer Kündigungsfrist nicht zugemutet werden kann (Abs. 1 Satz 2). Eine Liste von Gründen gibt es nicht. Den Maßstab haben die Gerichte über Risikobereiche entwickelt: Ein wichtiger Grund liegt im Allgemeinen nur vor, wenn die Gründe im Risikobereich der anderen Seite liegen. Stammen sie aus der eigenen Interessensphäre des Kündigenden, reicht das nur ausnahmsweise; wer sich längerfristig eine Dienstleistung sichert, muss grundsätzlich selbst dafür einstehen, wenn er sie wegen geänderter Lebensumstände nicht mehr nutzen kann (III ZR 57/10, Rn. 9, 12).
- Umzug: kein wichtiger Grund für einen DSL-Vertrag (III ZR 57/10) und für einen Fitnessvertrag, auch nicht bei einem beruflich bedingten Wechsel (BGH, 04.05.2016, XII ZR 62/15). Für Telefon und Internet gibt es heute ein eigenes Kündigungsrecht, wenn der Anbieter am neuen Wohnsitz nicht leisten kann (§ 60 Abs. 2 TKG); Einzelheiten unter DSL und Internet kündigen.
- Krankheit, Schwangerschaft: Umstände außerhalb des eigenen Verantwortungsbereichs. Klauseln, die Kunden auch dann weiterzahlen lassen, wenn sie ein Fitnessstudio aus solchen Gründen auf Dauer nicht nutzen können, benachteiligen sie unangemessen; eine Schwangerschaft kann ein wichtiger Grund sein (BGH, 08.02.2012, XII ZR 42/10, Rn. 30 f.). Mehr unter Fitnessstudio kündigen.
- Pflichtverletzung der anderen Seite: Die Leistung bleibt aus, ist mangelhaft, oder Absprachen werden gebrochen. Dann gilt zusätzlich Absatz 2.
Absatz 2: erst Abhilfe, dann Kündigung
Besteht der wichtige Grund in der Verletzung einer Vertragspflicht, ist die Kündigung erst nach erfolglosem Ablauf einer zur Abhilfe bestimmten Frist oder nach erfolgloser Abmahnung zulässig (Abs. 2 Satz 1). Die Frist ist das Mittel, wenn etwas zu erledigen oder in Ordnung zu bringen ist; die Abmahnung, wenn ein Verhalten aufhören soll. Wie lang die Abhilfefrist sein muss, sagt das Gesetz nicht. Entbehrlich sind Frist und Abmahnung, wenn
- die andere Seite die Leistung ernsthaft und endgültig verweigert (§ 323 Abs. 2 BGB Nr. 1, über Abs. 2 Satz 2),
- ein im Vertrag bestimmter Termin verstrichen ist, dessen Einhaltung für dich wesentlich war – weil du das vor Vertragsschluss mitgeteilt hattest oder es sich aus den Umständen ergab (§ 323 Abs. 2 Nr. 2),
- besondere Umstände unter Abwägung der beiderseitigen Interessen die sofortige Kündigung rechtfertigen (Abs. 2 Satz 3).
Liegt der Grund nicht in einer Pflichtverletzung, etwa bei Krankheit, gibt es nichts abzustellen; der Zwischenschritt entfällt schon nach dem Wortlaut. Im Arbeitsrecht zieht das Bundesarbeitsgericht Absatz 2 zusammen mit § 323 Abs. 2 als gesetzliche Bestätigung des Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes heran: Ist eine Verhaltensänderung zu erwarten, geht die Abmahnung der Kündigung vor (BAG, 10.06.2010, 2 AZR 541/09, Rn. 37). Ein Muster für die Fristsetzung steht unter Fristsetzung vor fristloser Kündigung.
Absatz 3: Wie schnell gekündigt werden muss
Wer den Grund kennt, darf nicht beliebig abwarten: Gekündigt werden kann „nur innerhalb einer angemessenen Frist“, nachdem der Berechtigte vom Kündigungsgrund Kenntnis erlangt hat. Eine Zahl nennt § 314 nicht. Die oft zu lesenden „zwei Wochen“ stammen aus § 626 Abs. 2 BGB, der Sonderregel für Dienst- und Arbeitsverhältnisse. Für Abos, Mitgliedschaften und Lieferverträge sind sie eine Faustregel ohne gesetzliche Grundlage. Was die Gerichte zur Zeitfrage entschieden haben:
| Lage | Ergebnis | Beleg |
|---|---|---|
| Fitnessvertrag: Kündigung wegen Krankheit laut AGB „spätestens binnen zwei Wochen“ nach Kenntnis | Klausel unwirksam, auch wegen der kurzen Frist: Sie kann zu voreiligen Kündigungen zwingen; nach einer Diagnose darf man zunächst den Verlauf abwarten | XII ZR 42/10, Rn. 35 f. |
| Wohnungsmiete: Kündigung wegen Mietschulden gut ein halbes Jahr, nachdem sie erstmals möglich war | wirksam; § 314 Abs. 3 gilt für die Miete nicht, das Zuwarten nahm sogar Rücksicht auf die Mieterin; Grenze ist die Verwirkung, für die zusätzlich ein Vertrauenstatbestand nötig ist | VIII ZR 296/15, Rn. 13–25 |
| Arbeitsverhältnis: Arbeitgeber hört den Arbeitnehmer erst nach dessen Urlaub an | Kündigung verfristet; die Anhörung muss im Allgemeinen binnen einer Woche erfolgen, der Urlaub rechtfertigt kein Warten | BAG, 04.12.2025, 2 AZR 55/25 |
| Werkvertrag mit einem Handwerker | angemessene Frist wie bei § 314 | § 648a Abs. 3 BGB |
Der Bundesgerichtshof hat außerdem darauf hingewiesen, dass bei einer illoyal verspäteten Kündigung typischerweise schon die Unzumutbarkeit fehlt (VIII ZR 296/15, Rn. 15). Wer lange zuwartet, schwächt also seinen eigenen Grund. Hast du eine Abhilfefrist gesetzt, kündige deshalb bald nach ihrem Ablauf.
Absatz 4: Schadensersatz bleibt möglich
Die Kündigung beendet den Vertrag für die Zukunft, nimmt aber keine Ansprüche weg: „Die Berechtigung, Schadensersatz zu verlangen, wird durch die Kündigung nicht ausgeschlossen“ (Abs. 4). Ob und in welcher Höhe ein Anspruch besteht, richtet sich nach den allgemeinen Regeln über Pflichtverletzungen. Gleich lautet § 648a Abs. 6 BGB für den Werkvertrag.
Kann der Vertrag das Recht ausschließen?
Nein. Bei Dauerschuldverhältnissen steht beiden Seiten stets ein Recht zur Kündigung aus wichtigem Grund zu; Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) können es nicht ausschließen. Knüpfen sie es an zusätzliche Hürden, die Kunden von der Kündigung abhalten können, sind sie ebenfalls unwirksam (§ 307 Abs. 1 BGB). Im Fitness-Fall beanstandete der Bundesgerichtshof die Beschränkung auf Krankheit, ein Attest mit Angabe der Erkrankung und die Zwei-Wochen-Frist; ein Attest, das die dauerhafte Sportunfähigkeit bescheinigt, genügt (XII ZR 42/10, Rn. 27–36). Den wichtigen Grund muss im Streit beweisen, wer kündigt (ebenda, Rn. 33). Weitere Beispiele sammelt die Seite AGB-Klauseln, die nicht gelten.
Abgrenzung: Störung der Geschäftsgrundlage
Verwandt ist § 313 BGB. Haben sich Umstände, die zur Grundlage des Vertrags geworden sind, nach Vertragsschluss schwerwiegend verändert, kann zunächst nur eine Anpassung verlangt werden. Erst wenn sie nicht möglich oder einer Seite nicht zumutbar ist, tritt bei Dauerschuldverhältnissen die Kündigung an die Stelle des Rücktritts (§ 313 Abs. 3). Maßgeblich ist auch dort die vertragliche oder gesetzliche Risikoverteilung (§ 313 Abs. 1). An einen bestimmten Anlass geknüpfte Rechte wie bei Preiserhöhungen stehen dagegen in eigenen Gesetzen; sie sammelt der Ratgeber Sonderkündigungsrecht.
Praxis: Prüfschema in fünf Fragen
- Gibt es eine Sonderregel?Miete, Arbeit und Dienst, Werkvertrag, fehlender Kündigungsbutton: Dann gilt die Tabelle oben, nicht § 314 allein.
- Wessen Risikobereich?Liegt der Anlass bei der anderen Seite oder ist er von dir nicht beeinflussbar, kommt ein wichtiger Grund in Betracht. Eigene Pläne wie ein Umzug reichen in der Regel nicht.
- Pflichtverletzung?Dann zuerst eine Frist zur Abhilfe mit Datum oder eine Abmahnung – außer in den Fällen des Absatzes 2.
- Rechtzeitig?Kündige bald nach Kenntnis bzw. nach Ablauf der Abhilfefrist; im Dienst- und Arbeitsverhältnis binnen zwei Wochen.
- Belegt und hilfsweise?Sammle Nachweise und kündige zugleich hilfsweise ordentlich zum nächstmöglichen Termin. Bausteine dafür enthält die Vorlage außerordentliche Kündigung.
Ein Beispiel: Ein Kaffee-Abo, das am 1. April 2026 beginnt, läuft zwölf Monate bis zum 31. März 2027. Seit August kommen die Lieferungen nicht mehr. Am Montag, 12. Oktober 2026, setzt die Kundin per E-Mail eine Frist bis Montag, 26. Oktober 2026, und kündigt an, sonst fristlos zu kündigen. Es kommt nichts. Ihre Kündigung geht am Donnerstag, 29. Oktober 2026, zu – fristlos, hilfsweise zum Ende der Laufzeit. Trägt der Grund, endet das Abo am 29. Oktober 2026; trägt er nicht, endet es am 31. März 2027.
Quellen
- § 314 BGB – Kündigung von Dauerschuldverhältnissen aus wichtigem Grund
- § 323 BGB – Rücktritt wegen nicht oder nicht vertragsgemäß erbrachter Leistung
- § 313 BGB – Störung der Geschäftsgrundlage
- § 626 BGB – Fristlose Kündigung aus wichtigem Grund (Dienstverhältnis)
- § 627 BGB – Fristlose Kündigung bei Vertrauensstellung
- § 648a BGB – Kündigung aus wichtigem Grund (Werkvertrag)
- § 543 BGB – Außerordentliche fristlose Kündigung aus wichtigem Grund (Miete)
- BGH, Versäumnisurteil vom 13.07.2016, VIII ZR 296/15 (§ 314 Abs. 3 nicht bei der Miete) – abgerufen am 05.10.2026
- BGH, Urteil vom 11.11.2010, III ZR 57/10 (Umzug kein wichtiger Grund bei DSL) – abgerufen am 05.10.2026
- BGH, Versäumnisurteil vom 08.02.2012, XII ZR 42/10 (Fitnessstudio, Kündigungsklausel) – abgerufen am 05.10.2026
- BGH, Urteil vom 04.05.2016, XII ZR 62/15 (Umzug kein wichtiger Grund) – abgerufen am 05.10.2026
- BAG, Urteil vom 10.06.2010, 2 AZR 541/09 – abgerufen am 05.10.2026
- BAG, Urteil vom 04.12.2025, 2 AZR 55/25 – abgerufen am 05.10.2026
- vzbv: BGH-Urteil vom 22.05.2025, I ZR 161/24 (Verbandsquelle) – abgerufen am 05.10.2026
Häufige Fragen
Muss ich den wichtigen Grund im Kündigungsschreiben nennen?
§ 314 BGB schreibt das nicht vor. Bei der Wohnungsmiete muss der Grund aber im Schreiben stehen (§ 569 Abs. 4 BGB), im Dienst- und Arbeitsverhältnis musst du ihn auf Verlangen unverzüglich schriftlich mitteilen (§ 626 Abs. 2 BGB). Eine kurze Begründung mit Daten beugt in jedem Fall Streit vor.
Kann ich eine fristlose Kündigung auch über den Kündigungsbutton erklären?
Ja. Über die Kündigungsschaltfläche müssen sich ordentliche und außerordentliche Kündigungen erklären lassen; die Bestätigungsseite fragt bei der außerordentlichen Kündigung auch den Grund ab (§ 312k Abs. 2 BGB).
Allgemeine Information, keine Rechtsberatung im Einzelfall. Bei Streit helfen die Verbraucherzentralen, eine Schlichtungsstelle oder ein Anwalt.